Mobilitätsexpertin Katja Diehl will die inklusive Verkehrswende

 

Katja Diehl beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Verkehrswende und neuen Mobilitätskonzepten. Im Februar erschien ihr Buch „Autokorrektur“. Im Interview erzählt sie, warum wir eine inklusive Verkehrswende brauchen.

 

Katja Diehl beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Verkehrswende und neuen Mobilitätskonzepten.
Katja Diehl beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Verkehrswende und neuen Mobilitätskonzepten. © Amac Garbe

Katja Diehl beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Verkehrswende und neuen Mobilitätskonzepten. Ihr Podcast heißt „She drives Mobility“, auf Twitter ist sie als @kkklawitter aktiv. Im Februar erschien ihr Buch „Autokorrektur“. Im Interview erzählt sie, warum unser Verkehrssystem ungerecht ist und warum wir eine inklusive Verkehrswende brauchen.

Herzlichen Glückwunsch, Frau Diehl. Ihr Buch „Autokorrektur“ war nach nicht mal einer Woche schon auf der Spiegel-Bestsellerliste. Eine zentrale Aussage Ihres Buches ist: Jeder und jede soll das Recht haben, ein Leben ohne ein eigenes Auto führen zu können. Was meinen Sie damit?

Ich bin der Meinung, es sollte ein Grundrecht auf Wahlfreiheit geben. Jeder Mensch sollte selbst entscheiden, ob er oder sie ein Leben mit Führerschein und eigenem Auto führen möchte oder nicht. Momentan zwingen wir die Menschen in ein Verkehrsmittel, ohne dass sie Alternativen haben.

Wir haben uns zu stark aufs Auto fixiert. Allein 2021 ist die Zahl der Autos auf deutschen Straßen um 400.000 gestiegen. Das ist meiner Meinung nach kein Erfolg für das Auto, sondern zeigt, dass die Verkehrspolitik versagt hat. Denn wenn wir alle gleichberechtigt unterwegs wären und alle die Chance hätten, ein Leben ohne eigenes Auto zu leben und nur noch dann Auto zu fahren, wenn wir es wirklich wollen, würde der Autobestand allmählich sinken.

Sie sagen, das aktuelle Verkehrssystem ist ungerecht. Was läuft Ihrer Ansicht nach falsch?

Es gibt keine Gleichberechtigung im aktuellen Verkehrssystem, sondern eine Privilegierung des Autos. Das fängt bei Subventionen wie der Dieselsteuer und dem Dienstwagenprivileg an und hört beim kostenlosen Parken auf. Wir akzeptieren, dass jeder sein Auto in den öffentlichen Raum stellen darf, wo es nur rumsteht und keine Funktion hat. Und dass, obwohl der öffentliche Raum in Städten knapp und wertvoll ist und eigentlich den Menschen gehören sollte und nicht den Autos.

Bei der Ungerechtigkeit kommt aber noch ein anderer Aspekt hinzu: Wenn wir uns ins Auto setzen, verhalten wir uns auf einmal auch „unmenschlich“ – in dem Sinne, dass wir akzeptieren, dass Menschen im Straßenverkehr sterben, und wir akzeptieren, dass ein Mensch, der zu Fuß geht, einen anderen Wert im System hat, als ein Mensch, der im Auto sitzt.

Sie setzen sich für eine inklusive Verkehrswende ein. Was ist das und wie sieht eine inklusive Verkehrswende aus?

Unser Verkehrssystem ist zu sehr auf den weißen, gesunden, wohlhabenden und mittelalten Mann ausgelegt. Das ist eine Tatsache, die auch mehrere Studien belegen und an der wir arbeiten müssen. Ich habe in der Recherche für mein Buch mit den unterschiedlichsten Menschen gesprochen. Es hat sich gezeigt, dass sie alle, obwohl sie so unterschiedlich sind, ähnliche Bedürfnisse an Mobilität stellen. Sie soll sicher, bezahlbar, inklusiv, barrierearm und verfügbar sein. Das sind alles Wünsche, die auch einer Massengesellschaft zugutekommen.

Aktuell tun wir so, als würde es unglaublich viel mehr Aufwand bedeuten, wenn wir die Bedürfnisse von Minderheiten berücksichtigen. Das stimmt aber gar nicht, weil meistens das Bedürfnis von einer Minderheit auch dem einer anderen entspricht.

Wenn zum Beispiel an einer Haltestelle eine Bank steht, dann setzt sich da nicht nur der alte Mann gerne drauf, sondern auch die hochschwangere Frau. Diese Inklusion zu haben, in dem wir die Diversität der Gesellschaft widerspiegeln, das ist mir wichtig.

Welche Rolle spielt das Fahrrad bei der inklusiven Verkehrswende?

Eine sehr große Rolle, aber ich wehre mich immer dagegen, nur auf einzelne Verkehrsmittel zu schauen. Ich möchte ein gutes System haben, das allen Sicherheit gibt. Momentan ist die einzige Sicherheit, die wir haben, die Sicherheit im Auto. Die Menschen, die im Auto sitzen, sind sehr sicher.

Diese Knautschzone würde ich gerne auch auf Fußgänger*innen und Radfahrer*innen übertragen. Ich glaube, sehr viele Menschen würden gerne Rad fahren, haben aber Angst, weil sie schlechte Erfahrungen gemacht haben. Das Rad kann einen großen Beitrag zur Verkehrswende leisten, aber erst, wenn die Infrastruktur das ermöglicht.

Ich setze mich dafür ein, den Autos Platz wegzunehmen und ihn umzuwidmen. Wenn wir anfangen neu zu bauen, verursachen wir wieder Emissionen und es wird länger dauern.

Durch Ihr Buch wollen Sie Veränderung in der Welt anstoßen. Wie bringt man Menschen zum Umdenken und vor allem dazu ihr Verhalten zu ändern?

Ich wohne in Hamburg-Eimsbüttel. Wenn ich auf meinem Balkon sitze, sehe ich manchmal Menschen fünf Mal mit ihrem Auto vorbeifahren, weil sie unbedingt ganz in der Nähe zum eigenen Haus parken wollen. Das ist der beste Beweis dafür, dass es nicht reicht, nur alternative Angebote zu schaffen. Wir müssen das Auto auch unbequemer machen. Ich will Autofahren nicht verbieten, aber eine Gleichberechtigung auf der Straße herstellen – in der Stadt und im ländlichen Raum.

Den Umstieg schaffen wir, wenn wir uns auf zwei Dinge konzentrieren: Zum einen darauf, Wege zu vermeiden, beispielsweise durch Videokonferenzen oder Co-Working, auch im ländlichen Raum oder dadurch, dass Brot und andere Lebensmittel oder ärztliche Versorgung ins Dorf kommen, statt andersherum. Und zum anderen müssen wir Wege verlagern, zum Beispiel vom Auto aufs Fahrrad oder vom Flieger in die Bahn, die dafür allerdings ausgebaut werden muss.

Wir müssen aufhören, 850 Autobahnen neu zu bauen und genau hinsehen, was subventioniert und wo Autofahren privilegiert wird – da müssen wir ansetzen. Ich glaube, wenn wir Menschen für erste Wege in den ÖPNV oder aufs Rad locken, dann kann ein einmaliges Verhalten zum mehrmaligen Verhalten und dann auch zu Alltagsverhalten werden. Auch die kleinen Dinge können dabei helfen, zum Beispiel mehr Fahrradchecks und Fahrkurse für Menschen anzubieten, die lange kein Rad gefahren sind.

Werfen wir einen Blick in die Zukunft: Wie sind wir 2035 mobil?

2035 gehen die Menschen sehr viel zu Fuß und das meiste findet vor der eigenen Haustür statt: Einkaufen, Essen gehen, Bildung, medizinische Versorgung, Kultur – egal ob in der Stadt oder auf dem Dorf. Es ist ruhiger, grüner und es gibt mehr Begegnung zwischen den Menschen. Der Raum zwischen den Häusern ist belebt, die Autos sind raus aus der Stadt. Es gibt zwar noch Autos, aber die fahren vollautonom und als ÖPNV.

Wir haben ganz viel Raum gewonnen für Menschlichkeit, Solidarität und Empathie. Wir kennen vielleicht sogar die Menschen von gegenüber. Kinder können auf der Straße sein, ihre eigenen Entdeckungen machen und müssen nicht mehr von Erwachsenen auf dem Spielplatz betreut werden. Für Kinder und ältere Menschen entsteht eine Welt, in der sie wieder stattfinden und gesehen werden. Eine Welt, die auf sie achtet, und versteht, dass ihre Geschwindigkeit die prägende ist.

 


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